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This text in English:
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Fragment eines erstaunlich unentdeckt gebliebenen Briefes von Goethes Onkel
Hermann an seine Freundin Hendrike kam unlängst bei der Suche nach
dem Bernsteinzimmer im Keller von Schloß Auerstedt zum Vorschein:
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Teure Hendrike!
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Wie mußt du dich gewundert haben ob meines
rätselhaften Fernbleibens! Meine Liebe zu dir gebietet es, daß
ich dir den Grund nicht vorenthalte: Denn als Zugreisender, der ich von
Weimar kommend zu dir nach Berlin unterwegs zu sein meinte, stach mir
linkerhand der Strecke, nur eine Meile hinter Niedertrebra, etwas ins
Auge, das meine Reisepläne völlig durcheinanderbrachte. Thronte
doch dort an einem Hang im lieblichen Tal der Ilm ein aus verschiedenen
Kuppeln zusammengesetztes Gebäude, das wie ein lichter, durchaus
riesenartiger Kristall in den Himmel ragte. Die seitlich angeschlossene
Trakte ähnelten einer geschwungenen Raupe oder auch einem Schnabeltier,
welches sich an ins Tal hinein erstreckenden Wasserkaskaden schmiegte.
Mein Erstaunen, oder soll ich sagen: Entzücken, war um so größer,
als ich die Kuppeln wie auch das Wasser in einem beständigen Farb-
und Lichtspiel begriffen fand, bei welchem alle Nuancen des Regenbogens
ineinanderflossen. Diese Architektur aus festen, wiewohl durchscheinenden
und flüssigen, weil auf dem Element Wasser gründenden Materialien
wirkte sehr erquickend aufs Gemüt, wozu die leuchtende Abenddämmerung
ihr übriges tat. Kaum war der Zug im Kur- und Weinstädtchen
Bad Sulza zum Stillstand gekommen, gewahrte ich, daß die Lichtspiele
begleitet waren von darauf bezogenen Klängen, die die Schönheit
der Landschaft zusätzlich beseelten.
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Unwillkürlich kam mir eine Sentenz meines trefflichen Neffen Johann
Wolfgang in den Sinn: "Architektur ist gefrorene Musik." Hier nun offenbarte
sich diese Wahrheit im Umkehrschluß: Musik ist flüssige Architektur.
In gesetzter Eile schritt ich dem wunderlichen Schauspiel entgegen, durchaus
willens, mich ihm anheimzugeben. Der Fußweg zum Badetempel war leicht
zu finden, denn um einen Tempel handelte es sich fürwahr: allüberall
sah ich in den farbig dampfenden Becken heiter versunkene, gleichwohl
erhaben in-sich-ruhende Nymphen und Nixen schweben, einem Reigen meditierender
Montgolfièren gleich. Als ich den bläulich schimmernden Bau betrat,
empfing man mich zuvorkommend, aber nicht, ohne mich darauf hinzuweisen,
daß ich mich mit dem Umkleiden sputen möge, um das heutige
Liquid Sound®-Kurkonzert nicht zu verpassen. Zu welch entzückendem
Erlebnis dieses sich auswuchs, kannst du ja gar nicht ahnen, verehrte
Hendrike! Was weiß denn der gute Händel von Wassermusik! Zuerst
einmal: unser Konzertpublikum saß nicht auf Bänken, Sitzen
oder gepolsterten Fauteuils, nein, man ruhte rücklings auf dem Auftrieb
gewährenden, weil salzhaltigen, körperwarmen Wasser. Einem herkömmlichen
Konzert gemäße Abendkleider gewahrte ich keine, wohl aber die
entzückendsten Bikinis, welche östlich von Rio geschneidert
werden. Wo man in Festspielhäusern zum Opernglas greift, war man
hier mit Schwimmbrillen ausgestattet. Auf einer muschelartigen Empore
oberhalb des Beckens hatte das Orchester Platz genommen. Die Musiker wußten
sehr apart ihre Synthesizer, Didgeridoos, Zymbeln und Rasseln zum Klingen
zu bringen.
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Kaum hatte ich es den Konzert- oder Badegästen nachgetan - zwischen
welchen hier kein Unterschied getroffen wird-, kaum war auch ich in die
entspannte Rückenlage gesunken, da hörte ich engelsgleiche Klänge
in meinen Ohren, die, das bitte ich dir vorzustellen, sich die ganze Zeit
unter dem Wasserspiegel befanden. In den Becken waren sinnreiche Apparaturen
zur Übermittlung von Klang- und Licht angebracht, welche mir die Symphonien
aufs köstlichste nach innen trugen. Der sirenenhafte Unterwasserklang
durchströmt einem Haut und Haar, und ihn in Worte kleiden zu wollen
wäre so aussichtslos wie der Versuch, Beethovens Neunte mit einem
Löffel und einer Konservendose zur Aufführung zu bringen. Nein,
meine Teure, bei diesem Bouquet aus gehörter, gefühlter und
gesehener Wasserkunst schweigt die Beredsamkeit, mindestens die meine.
Obendrein mutmaßte ich, daß mein berühmter Weimarer Neffe,
der doch von dieser famosen Einrichtung in seiner Nachbarschaft Kenntnis
haben mußte, selbige nur deshalb nie erwähnt hat, weil es ihm
in Bad Sulza derart das Herz öffnete, daß es ihm die Sprache
verschlug. Und ich, sein Onkel, muß sein Versäumnis hiermit
ausbaden, im wahrsten Sinne des Wortes! .
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Zur Krönung war das Sphärenkonzert ornamentiert von Irrlichtern
im Wasser und in der Kuppel, wobei Takt und Melodie der Musik in eindrücklicher
Entsprechung zu den Lichtfanfaren standen. Nachdem das erste Stück
verklungen war, patschten die Zuhörer mit den Händen auf die
Wasseroberfläche, was recht drollig wirkte, hier aber offenbar als
artiger Applaus gilt.
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Es trieb mich um, mehr von jenen Gefilden zu erkunden, die mein Neffe
verschwieg und die mich von einem pünktlichen Besuch bei dir abgehalten
haben. Meine aufrichtige Bitte um Verzeihung wage ich nur vorzutragen,
da ich weiß, daß du in meiner Lage ebenso gehandelt hättest.
Mögen sich deine etwaigen Vorhaltungen in Vorfreude verwandeln, darob
daß wir den Liquid Sound® Tempel in baldmöglichster Gemeinsamkeit
besuchen werden. Sind auch deine Badesachen in Ordnung?
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Ich ersparte mir das nachfolgende Allegro des Unterwasserorchesters im
grossen Becken und begab mich in ein Nebengemach. Hier war es fast dunkel,
und erst, als meine Augen sich daran gewöhnt hatten, erkannte ich,
daß ich mich in einer tiefblau schimmernden Kuppelgrotte befand.
Die sich hier aufhielten, schienen auf besonders gelöste Weise in
den Landschaften ihres inneren Schauens zu promenieren. Angeregt durch
den Wohlklang aus Wärme, Farbe, Licht und Melodie, trieben ihre Körper
recht kommod auf dem Wasser, traumversunkenen Schwänen ähnlich.
Zu hören war auch hier etwas in den dunklen Fluten: als ich mit den
Ohren unter Wasser ging, wurde just das Märchen von der Meerjungfrau
vorgetragen.
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Ganz anders der nächste Raum: hier deuteten flackernde Blitze auf
ein belebteres Geschehen hin. Die Besucher dieser Abteilung schwenkten
und wirbelten ihre wunderschönen Körper in einer Weise, wie
ich es auf keinem trockenen Tanzboden Thüringens je erblickt habe.
Das heftige Menuett fand natürlich nicht am, sondern ebenfalls im
und unter Wasser statt..."
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(Anm: Hier bricht das Brieffragment von Goethes Onkel
leider ab. Sobald weitere Passagen auftauchen, etwa über Seminarräume,
Therapiebecken und sonstige multimediale Sensationen des beschriebenen Kultbades,
wird die Veröffentlichung unverzüglich fortgesetzt.) |
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